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Anna Yurek – Einmal Malta und zurück

Das Interview mit der Frankfurter Designerin Anna Yurek.
Fashion Frankfurt: Hallo Anna, wie bist du zur Mode gekommen?

Anna Yurek: Mode..ist ein toller Begriff.
Es war einmal ein 8jähiges Mädchen, das sich bei Oma in den Sommerferien total gelangweilt hat. Oma hat ihr ein Stück Stoff gegeben,
um vielleicht ein Kleid für die Puppen daraus zu nähen. Seitdem…habe ich nie aufgehöhrt zu kreieren. Und ja, das Mädchen war natürlich ich…
Aus meinem gespartem Taschengeld habe ich mir die ersten, deutschen Burdas gekauft – nähen, schneiden und…deutsch, zumindest die Fachbegriffe,
habe mir selbst beigebracht. Anfangs habe ich tonnenweise Stoffe kaputt gemacht, bis ich alles in den Griff bekommen habe.

Kreativ zu sein, ist eine Art von Fluch. Man ist gezwungen etwas zu machen. Aus jedem Stück Stoff etwas nähen, kleben usw.
Der Schaffensprozess wird regelrecht zur Obsession. Ich glaube alle kreative Seelen verstehen sehr gut was ich da erzähle.
Es ist wie ein Fluch…  und wenn man es nicht ausüben kann, z.b. aus zeitlichen, beruflichen oder privaten Gründen, sehnt man sich danach.
Das war zwar der Anfang aber ich bin nicht diesem Weg gefolgt. Ich habe „anständig“ studiert,
Bachelor in Tourismus – zum Glück konnte aus der Kunstgeschichte eine Diplomarbeit verfassen, über
meinen Lieblingsmaler- Hieronimus Bosch. Dann noch Soziologie an der Uni. Ich habe mich für die Welt interessiert und bin nach Deutschland gezogen, habe weiter studiert.
Dann kam ein Durchbruch – mein erster Job war als Assistentin einer Designerin in Frankfurt. Ich war glücklich, wieder mal mit Stoffen zu arbeiten.
Während meiner Studienzeit hatte ich einfach nicht so viel Zeit um zu nähen. Jetzt konnte ich es wieder anfangen.
Selbstverständlich habe ich auch Kaffee gemacht und Kleider verkauft, so wie alle Assistentinnen in diesen Beruf,
aber meine tolle Chefin hat etwas in mir gesehen- ich habe für sie einige Entwürfe gemacht, die sie zu der Kollektion eigeschlossen hat.
Es hat uns allen sehr gefallen und ich wollte weiter lernen und mehr Mode erfahren. Ich war nicht entschlossen,
ob ich als Stylistin oder Modedesignerin arbeiten will. Meine Chefin sagte einfach zu mir- Anna- ich kann dir nichts mehr beibringen-
du kannst gerne bleiben, oder woanders nach mehr suchen.

Fashion Frankfurt: Welche Designer und Stilrichtungen haben dich am meisten geprägt und warum?

Anna Yurek: Danach habe ich einige Zeit als Stylistin gearbeitet, in einem, der feinsten Boutiquen Frankfurts. Das war ein Modeschock für mich.
Ich habe jeden Tag mit Stella McCartney, Alexander McQueen, Balenciaga und Galiano Kleider gearbeitet. Ich war total verschlungen von den Entwürfen,
Kreativität und Farben, wie eine Droge. Ich wollte mehr! Und ich wüsste, ich kann genauso gut designen und selbst nähen.
Die Möglichkeit kam ganz schnell- wir sind mit meinem Mann nach Malta ausgewandert und dort, direkt, habe ich meine erste Firma offiziell registriert –  Hoax Design.

Malta ist wunderbar.  Überall ist es hell, bunt, laut, klimafeucht und sehr, sehr heiß. Meine Kleider waren leicht, mit Flowerprints, lang und sexy.
Ich habe mehr Haute Couture Kleider kreiert – Zeit ist entscheidend, man muss schon einige Stunden verbringen um 20 Meter Stoff Kleid fertig zu machen.
In diesen Zeiten habe ich das Mediterrane Klima und die Multikulturelle Vielfalt sehr genossen. Ich vermisse irgendwie Malta auch noch. Es ist ein Ort wo sich leichter denkt und schöner Zeit verbringt.
Maltesische, osmanische, englische und französische Vergangenheit verschmelzen auf einer der kleinsten Inseln Europas. Meine Freunde sagen nicht umsonst wenn ich wieder dorthin fliege: „Du kommst aber wieder, nicht wahr?“
Nach 5 Jahren haben wir uns entschlossen, wieder nach Deutschland zu ziehen. Hier wollte ich unter meinem Namen weiter arbeiten. Anna Yurek ist eine Abkürzung davon.

Fashion Frankfurt: Du machst Pret a Porter und Couture. Wann das eine und wann das andere und für wen?

Anna Yurek: Viele Designer sagen: „Ich mache Kleider für modebewusste Frauen.“ Das ist mittlerweile ein banaler Slogan geworden.
Ich mache Kleider, die sich toll tragen und die man immer wieder mit anderen Kleidungsstücken kombinieren kann.
Ich liebe bequeme und unkomplizierte Bekleidung – man zieht es an und vergisst, was man anhat. Ich lege beim Nähen großen Wert auf das Endprodukt – ich bin absolute Perfektionistin.
Versteckte Nähte, wunderbarer Saum, das ist mir sehr wichtig. Von der Stoffqualität gar nicht zu sprechen. Meine Bekleidung ist erschwinglich – Preise fangen an bei 60€, Haute Couture Kleider auf Bestellung ab 200€.
Die Bekleidung vor 20-30 Jahren hat Heute Vintage Status, es wird danach gesucht und es lässt sich damit noch gut verdienen.
Wieso? Die Sachen sind für Leben gemacht, gut verarbeitet und aus tollen Stoffen genäht. Ich glaube nicht, dass ein Billig-T-Shirt aus der Massenproduktion irgendwo in Pakistan,
in widrigen Umständen produziert, das Potenzial dazu hat…

Ich produziere alles im polnischen Ateliers – wo die Schneiderinnen beim Arbeiten auch Pause machen, Kaffee schlürfen und Radio hören dürfen.
Das ist Slowfashion. Weniger produzieren, dafür richtig gute, schöne Sachen. Nichts Billiges für ein paar Euro, dass man nach dem ersten Waschen wegschmeißt.
Ich kann alles reparieren und mit meinen Händen fast alles machen. Deswegen habe ich größten Respekt vor allen Handwerkern.
Meine Pret-a-Porter Kollektionen sind ziemlich kleine Editionen, Haute Couture natürlich Einzelstücke auf Bestellung. Ich wünschte,
ich hätte mehr Zeit alles selbst zu nähen; Dafür fehlt mir leider die Zeit. Nur die Muster schaffe ich noch alleine zu fertigen.
Ich teste vorher natürlich alles selbst: Wie trägt es sich? wie schmiegst sich der Stoff an? Ist es bequem genug?

Fashion Frankfurt: Was fasziniert dich an Couture?

Anna Yurek: Haute Couture ist sehr aufwändig, teuer und langlebig. Es ist handbestickt, personalisiert, mit Liebe zum Detail und voller Aufmerksamkeit angefertigt.
Es ist wie eine Liebesgeschichte an die Stoffe, die Menschen & die Kreativität.
Es ist ein Märchen. Und ich bin immer noch ein Träumer.

Fashion Frankfurt: Du beschreibst dich selbst als Slow Fashion Designerin und positionierst dich damit gegen die Fast Fashion Industrie. Was verstehst du unter Slow Fashion und was stört dich an Fast Fashion?

Anna Yurek: Für Slow Fashion ist es wichtig, das von den Stoffen bis zur Produktion alles transparent ist – man kann mich anrufen und fragen: Woher kommt der Stoff?
Wie heißt die Konstrukteurin, die die Schnitte gemacht hat? Wo und wie lange wurde das Kleid genäht? Fast Fashion ist wie Drive Inn Restaurant- bestellen,
im Auto essen, satt werden und vorbei. Slow Fashion wie ein Candle-Light-Dinner? Jeder muss für sich selbst entscheiden, ich will es genießen, lange tragen dabei was Gutes tun.
Ich will jetzt nicht große Reden schwingen aber die Umweltverschmutzung welche die Modeindustrie verursacht ist… enorm.
Und dabei brauchen wir nicht so viel, wie es uns eingeredet wird.

Fashion Frankfurt: Wie würdest du deine Mode und deinen Stil mit eigenen Worten beschreiben?

Anna Yurek: Feminin, sexy, cool. Ich trage sehr gerne meine Kleider und werde oft darauf angesprochen.
Bei den letzten Fotoshooting auf Malta wurde mein Model mehrmals gefragt, woher sie das hat und die Leute hat es nicht gestört ins Bild zu kommen.

Fashion Frankfurt: Klingt toll. Werden auch Männer bei dir fündig?

Anna Yurek: Noch nicht, aber wer weiß?

Fashion Frankfurt: Welches Ziel verfolgst du als Designerin?

Anna Yurek: Ich arbeite gerade daran den Onlinevertrieb aufzubauen und Verkaufspartner zu finden. Vor allem in Deutschland.
Da ich auf Malta mein Atelier verabschieden musste suche ich jetzt eine neue Bleibe.
Gerne schließe ich mich jemanden der sich ein Platz teilen will an! Anybody out there?

Fashion Frankfurt: Wie sieht deiner Meinung nach die Zukunft der Mode aus?

Anna Yurek: Wir werden (hoffentlich) bewusster. Veganer. Nachhaltiger. Bunter. Mehr Qualität, weniger Quantität. Vielleicht sogar Recycled Fashion?
Mehr aus Altem Neues machen – das kommt langsam an. Mehr personalisierte Mode wünsche ich mir auch. Ich kaufe gerne von anderen jungen Designern.
Ich unterstütze meine Kollegen, bleibe mir dabei treu, behalte meinen Stil nach meinen Vorstellungen und tanze nicht nach der Pfeife der Modeindustrie.

Fashion Frankfurt: Was würdest du jungen Designern auf den Weg geben?

Anna Yurek: NIE AUFGEBEN…

 

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